Mercedes-AMG GT 63 4Matic+ 4-Türer Coupé Front/Seite in Fahrt
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Der V8 unter den Elektrikern

Der Mercedes-AMG GT 4-Türer verschiebt Grenzen

Leistung ist, wie eigentlich alles im Leben, relativ. Und Leistung kann man nie genug haben. Der Autor dieser Zeilen war auch recht zufrieden, als er vor ein paar Jahren in einem Mercedes-Benz GLC 43 mit 390 PS die Straßen gefühlt dominiert hat. 390 PS. Eigentlich richtig viel Leistung. Wäre da nicht der neue AMG GT 4-Türer. Der hat nämlich exakt drei Mal so viel.

Aber mal ganz ehrlich: Mercedes-AMG GT 63 4Matic+ 4-Türer Coupé ist ein wirklich sperriger Name. Ein nicht sonderlich repräsentativer Test quer durch die GO! Redaktion hat ergeben, dass man für die Aussprache der Modellbezeichnung durchschnittlich sechseinhalb Sekunden braucht. Das entspricht ungefähr der Zeit, die er von 0 auf 200 km/h braucht. Exakt sind das 6,4 Sekunden. Auf Tempo 100 sind es nur 2,1 Sekunden. Das ist nicht nur schnell, das ist bewusstseinserweiternd – und vergleichsweise günstig. Wobei der Preis hier, wie die Leistung, relativ wahrgenommen wird. Der AMG One kostet drei Millionen Euro und ist langsamer, weswegen die knapp 200.000 für das Mercedes-AMG GT 63 4-Türer Coupé fast schon wie eine Okkasion wirken.

Von einem anderen Stern

1.169 PS! 2.000 Newtonmeter! Na bumm! Auch wenn hohe Leistungsangaben im Elektrozeitalter nicht mehr den Beigeschmack des Wahnsinns haben, sind die des neuen AMG wie von einer anderen Welt. Noch beeindruckender ist vielleicht die Art, wie AMG mit einem klassischen Elektroauto-Klischee aufräumen will. Denn Leistung auf dem Papier können mittlerweile viele E-Autos. Die Herausforderung lautet: Wie fühlt sich das Ganze an?

Mercedes-AMG GT 63 4Matic+ 4-Türer Coupé Heck/Seite in Fahrt

Sechs Sterne in der Rücklichtsignatur, einer in der Mitte. Das Heck des stärksten Mercedes-Pkw ist genauso charakteristisch wie seine Frontansicht.

Die Antwort der Ingenieure heißt "AMG Force". Der neue GT erzeugt auf Wunsch einen künstlichen V8-Sound, simuliert Gangwechsel und liefert sogar jene kleinen Unterbrechungen im Vortrieb, die Enthusiasten seit Jahrzehnten mit echten Sportlern verbinden. Puristen werden darüber diskutieren. Alle anderen werden vermutlich grinsen.

Die Botschaft aus Affalterbach lautet sinngemäß: Wir können auch ohne V8 für erhöhten Puls sorgen. Optisch bleibt der GT seiner Linie treu. Lange Haube, flaches Dach, breite Schultern. Allerdings wirkt der neue Strom-AMG deutlich futuristischer als sein Vorgänger. Die Aerodynamik spielt eine Hauptrolle, schließlich ist bei einem Elektroauto jeder Luftwirbel ein kleiner Reichweitenräuber. Trotzdem sieht der GT nicht aus wie ein rollendes Windkanal-Experiment, sondern wie ein Auto, das auch im Rückspiegel noch Respekt einfordert.

Innen gibt es große Displays, hochwertige Materialien und jede Menge digitale Spielereien. Und Platz. Vorne sitzt man ohnehin gut, aber auch im Fond finden Erwachsene eine komfortable Sitzposition. Die Verantwortlichen haben den Boden etwas abgesenkt und damit den Platzverhältnissen sogar etwas Batteriekapazität geopfert. Die 106 Kilowattstunden reichen trotzdem für anständige Reichweiten. Mercedes verspricht etwa 690 Kilometer nach WLTP.

Mercedes-AMG GT 63 4Matic+ 4-Türer Coupé Cockpit

Mit den Drehreglern in der Mittelkonsole werden Gasannahme, Traktion und Kurvenverhalten gesteuert. Sonst: viel Rot, viel Carbon und viel Bildschirm.

Schnell fahren, schneller laden

Beim Laden greift AMG tief in die Trickkiste. Die neue 800-Volt-Architektur ermöglicht Ladeleistungen von über 600 kW. Unter optimalen Bedingungen sollen in zehn Minuten bis zu 460 Kilometer Reichweite nachgeladen werden können. Dass AMG dabei die Rennsport-Gene nicht vergessen hat, versteht sich fast von selbst. Die Batterie nutzt eine aufwendige Direktkühlung, die hohe Leistung auch bei wiederholten Vollgasattacken verfügbar halten soll. Anders gesagt: Der GT geht auch nach dem fünften Ampelstart en suite nicht in die Knie.

Am Ende ist der neue AMG GT 4-Türer vielleicht das spannendste Auto, das AMG seit Jahren vorgestellt hat. Nicht, weil er elektrisch ist, sondern weil er sich weigert, ein typisches Elektroauto zu sein. Er will Emotionen erzeugen, Diskussionen auslösen und gelegentlich die Naturgesetze herausfordern.